Imago Mundi: Das Wissen um die Erde


        Seit wann macht sich der Mensch Gedanken über die Gestalt der Welt, in der er lebt? Nötig wurde geographisches Wissen von überregionaler Dimension erst, als man aus der Ferne wieder in die Heimat zurückkehren wollte. Als es nicht mehr nur darum ging, für die größer gewordene Sippe neuen Lebensraum zu erschließen, um dort sesshaft zu werden. Als kriegerische Betätigungen, Fernhandel gepaart mit Abenteuerlust die Triebfeder waren. Gab es zum einen nach außen drängende Kulturen, wie die Römer, Griechen oder Muslime, so gab es viele, die in ihrem Heimatterritorium blieben, wie die Ägypter, Maya, Chinesen, Azteken oder Inka. Dessen ungeachtet haben Ägypter, Babylonier, Inder und Chinesen "Weltkarten" hinterlassen, die allerdings nur ihr eigenes Territorium, von Meer umschlossen, zeigten.


        Die Phönizier starten um 1000 v. Chr. von ihrer Heimat Kanaan aus bis zu den Säulen des Herkules, vielleicht sogar bis nach Britannien. Sie kolonisierten die Küsten Spaniens und Nordafrikas. Doch von ihrer Geographie oder Kartographie ist nichts überliefert.
        In den Gedichten Homers sind Äthopien, die Elysischen Felder und die Cimerische Dunkelheit als bekannte Regionen aufgeführt.
Die hellenistische Kolonisation findet 800 - 400 v. Chr. statt.
        Herodot erzählt von fünf unbenannten Entdeckern, die südwestlich von Libyen einen Fluß entdecken, der von West nach Ost fließt. Es handelte sich wohl um den Niger, obwohl ihn Herodot als Nil bezeichnet. Ebenfalls Herodot erzählt von den Phöniziern, die um 600 v. Chr. die gesamte Küste Afrikas umsegeln. In den "Historien" (444 v. Chr.) gibt er einen Bericht seiner Reise durch Kleinasien. Bei Herodot gibt es die erste schriftliche Erwähnung einer Landkarte.
        Um 510 v. Chr. schickt Darius, König von Persien, einen griechischen Gesandten, Scylax von Caryanda, aus, um den Indus und Gegenden weiter im Osten zu entdecken. Er ist der erste bekannte Europäer, der den Indus sah, und seine Geschichte inspirierte wohl Alexander den Großen.
        Die milesischen Philosophen des 5. und 4. Jh. v. Chr. - Thales, Anaximander und Hecateaus - waren davon überzeugt, daß die Erde eine Scheibe ist, und von ihnen wird berichtet, daß sie die ersten Globen und Weltkarten gefertigt haben sollen.
        Eratosthenes von Cyrene berechnet den Erdumfang auf 5% genau. In Eratosthenes "Geographika" ist eine Erdkarte mit Koordinatenkreuz enthalten, deren Nullmeridian durch Rhodos geht.
        Alexander der Große wollte den östlichen Ozean erreichen. Bei seinem Feldzug 334-323 v. Chr. zieht er durch den Mittleren Osten bis Afghanistan und Indien.

        Strabo, der 64/63 v. Chr. geborene Historiker und Geograph, verfasste die "Geographika Hypomnemata" in 17 Büchern. Er schreibt sie um 10 - 20 n. Chr. Darin berichtet er von einer Reise nach Norden aus der Zeit um 340 v. Chr., die Pytheas von Marseille unternommen haben soll. Er sei nach Britannien und darüber hinaus gelangt. Hier begegnet die Bezeichnung "Ultima Thule". Möglicherweise hat er die Britischen Inseln umrundet und die Küste von Norwegen, den Shetlandinseln, die Färöer oder sogar Island berührt. Pyhteas schrieb über seine Reise in seinem Buch "Der Ozean". Strabos Beschreibung war die Quelle alles griechischen und römischen Wissens um Nordeuropa bis zur Zeit von Julius Caesar. - Ebenso berichtet er von dem großen Globus, den Crates von Mallos in Rom ca. 150 v. Chr. geschaffen haben soll. Crates sei davon ausgegangen, dass es vier Kontinente gebe, einen in jedem Viertel des Globus. Crates konstruierte diesen Globuszur Demonstration der Irrfahrten des Odysseus.
        42 n. Chr. gelingt es einem Heerestrupp unter Suetonius Paulinus den Atlas in Nordafrika zu überwinden und zur Nordgrenze der Sahara vorzustoßen, die unüberwindlich schien.
        Die vom 43/44 n. Chr. abgefasste Schrift "De Chorographia" des römischen Geopgraphen Pomponius Mela ist die älteste, vollständig überlieferte lateinische Geographie in Form eines Periplus.
        Nachdem Rom 86 n. Chr. mit den Stämmen, die die Sahara kontrollierten, Frieden schloss, konnten zwei Expeditionen losgeschickt werden, die erkunden sollten, was hinter der Wüste lag. Julius Maternus war mit seinen Leuten erfolgreich. Nach vier Monaten erreichten sie ein Land, das sie Agisymba nannten, das "Land, wo sich die Nashörner versammeln".
        Marinus von Tyrus (70-130 n. Chr.) war der Erste, von dem man weiß, dass er Seekarten zeichnete. Er kannte das Werk des griechischen Astronomen Hipparchos (ca. 190-120 v. Chr.), der das Netzwerk der Längen- und Breitengrade zur Orientierung entworfen hatte. Marinus' Meridian lief durch Rhodos, damals das maritime Zentrum des östlichen Mittelmeerraumes.

        Der im 2. Jh. n. Chr. in Alexandria tätige Astronom und Geograph Claudius Ptolemaeus hinterließ zwei geographische Werke: "Verzeichnis wichtiger Städte" und "Geographias Hyphegesis" - eine Anleitung zur Kartographierung der Erde in acht Büchern. Darin sind 26 regionale Landkarten und eine mappa mundi. Sein geozentrisches Weltbild bleibt über Jahrhunderte bestimmend. Er kompiliert aus jeder erreichbaren Quelle und stellt über 8.000 geographische Namen zusammen. Zum ersten Mal werden sphärische Koordinaten beschrieben. Die Längengrade werden ostwärts von den "Fortunate Islands" gemessen, den westlichen Begrenzungen der bekannten Welt. Ptolemaeus' Weltkarte reicht bis zu den Britischen Inseln und Dänemark, Polen und der Ukraine als der nördlichsten Region, die mit Details angegeben ist. Sein Wissen von Ostafrika reicht bis südlich dem Horn von Afrika. Die Quelle des Nils ist in den Bergen des Mondes angegeben, die im Inneren Afrikas, etwa 15° Süd liegen. Die erste lateinische Übersetzung der Geographia ist von Jacobus Angelus, 1406-07. Die erste gedruckte Ausgabe erscheint 1477. - Im "Almagest", dem ersten Sternen-Katalog, beschreibt er über 1.000 Sterne samt Lage. Der Almagest wird durch Gerard von Cremona (ca. 1114-87) aus arabischen Quellen ins Lateinische übersetzt.
        Im antiken Rom gab es Marschrouten- und Stützpunktkarten. Plinius erwähnt in seiner Naturkunde die von M. Vipsanius Agrippa, dem Schwiegersohn von Augustus, gefertigte Karte Orbis terrarum.

        In der Völkerwanderungszeit geht im Westen das Wissen um die Geographie des Ptolomäus unter. Doch die Texte überdauern in Zentren wie Alexandria, Antiochia und Damaskus. Arabische Händler segeln nach Ostafrika, Indien und China. Es entstehen Karawanenrouten durch die Sahara, den Weißen und Blauen Nil hinauf bis in den Sudan und nach Äthiopien. Gerade durch das Gebot des Mekka-Pilgerns und der Gebetsrichtung - Qibla - gedieh die präzise Geographie in der islamischen Kultur.
        Um 860 versucht Johannes Scotus Eriugena in De divisione naturae den Durchmesser des Kosmos zu berechnen, der als vollkommene Kugel angenommen wird, den eine äußere feste Hülle umschließt (vgl. das gläserne Meer der Apokalypse)

        Im 9. und 10. Jh. reisen die Norweger über die Ostsee nach Nowgorod und Kiew. Ab 870 fahren sie nach Island, ab 980 nach Grönland. Um 1000 segelt Leif Ericsson von Grönland nach Westen. Er kommt vermutlich zunächst auf der Baffininsel, dann südlich an der Küste Labradors an, "Markland" genannt. Was er "Vinland" nennt, ist wahrscheinlich die Nordspitze von Neufundland.
        Abu Abdullah Muhammad al-Idrisi (geboren um 1100 in Ceuta in Nordafrika) war ein großer Kartograph, der unter Roger II. von Sizilien 1140-1155 arbeitete. Er erschuf die detaillierteste Weltkarte der Zeit. Dazu gab es eine Textbeschreibung der Länder, Orte und Völker. Der größte Unterschied zur ptolemäischen Karte ist, dass der Indische Ozean nicht von Land eingeschlossen ist, und dass er Wissen von der Ostküste Chinas hatte. Seine Weltkarte in 70 Blättern nannte er "Die Gärten der Bildung und der Trost der Seele", bekannt wurde sie unter dem Titel "Kitab Rujar" (Rogers Buch).
        Ibn Battutah, 14. Jh.: reist von Tangier durch Nordafrika und den Mittleren Osten bis Zentralasien an das Kaspische Meer, nach Mombasa und Kenia, nach Sansibar an der Ostafrikanischen Küste.


Die Erde ist eine Scheibe?


        Mitnichten. Kaum jemand dachte dies. Auch nicht im Mittelalter. Es ist ein gern geglaubtes Märchen, daß im "finst'ren" Mittelalter das Wissen um die Naturphänomene so gering war, daß der Erkenntnisschatz der Antike verschüttet war. Seit dem antiken Philosophen Parmenides galt das Wissen um eine kugelförmige Erde als sicher.
Einen guten Artikel dazu gibt es hier.